DIE HANDGEKNÜPFTE HÄNGEBRÜCKE
Ein Pilger ist unterwegs. Hoffnungsvoll und lächelnd wandert er auf seiner Straße dahin. Dann trifft er einen anderen Pilger, der ihm traurig entgegen kommt. „Warum so mutlos?“
„Es ist alles umsonst. Warte nur ab, du wirst es auch noch merken!“ Etwas irritiert geht der Pilger weiter. Was hat er nur?
Aber bald wird der Weg beschwerlicher. Es geht steil bergauf ins Felsengebirge. Überall liegen Steine. Er fällt hin, steht wieder auf, fällt wieder hin und steht wieder auf. „So ist das also“, denkt er. „Aber wenn ich mich hier durchgekämpft habe, wird der Weg auch wieder leichter werden.“
Mit diesen Gedanken klettert er keuchend weiter. Auf einem Plateau steht er plötzlich vor einem Abgrund. Eine sehr tiefe Schlucht tut sich vor ihm auf. Er ist entsetzt. Sollte der ganze Aufstieg umsonst gewesen sein? Alles umsonst?
O Gott – warum hast du mich so enttäuscht? Du hast mich einen falschen Weg geführt. Verzweiflung steigt in ihm auf und Tränen laufen über sein Gesicht.
Ihm bleibt nur noch eins: umkehren, zurücklaufen, mit hängenden Schultern. Der andere Pilger hatte Recht: Alles umsonst! Da hört er eine leise Stimme: „Mein liebes Kind, ich helfe dir über diesen Abgrund. Ich habe für dich eine Brücke gespannt.“
Jetzt sieht sie der Pilger. Eine handgeknüpfte Brücke, die sich auf wunderbare Weise über den Abgrund streckt. Sie besteht aus geflochtenen Seilen. Soll er sich auf diese Hängebrücke wagen? Er ist doch nicht schwindelfrei. Doch wieder hört er die Stimme: „Vertraue mir. Die Brücke wird dich tragen. Ich habe sie für dich gespannt. Du willst doch ans Ziel kommen.“ Der Pilger erschauert. Warum mutet ihm das sein Herr zu?
Dann steht er auf und sagt zu sich selbst: „Bis hierher habe ich seiner Wegführung vertraut, dann will ich es auch jetzt tun, obwohl ich schreckliche Angst habe.“ So betritt er die Brücke. Mit seinen Füßen tastet er sich von einem Knoten zum anderen, mit seinen beiden Händen hält er sich an den dünnen Schnüren fest, die als Geländer dienen. Je weiter er sich zur Mitte bewegt, umso mehr schaukelt die Brücke, sie ist flexibel, aber auch zäh. Und sie hält ihn. Während er sich vorsichtig über den Abgrund hangelt, vernimmt er wieder die leise Stimme: „Nur nicht nach unten sehen. Das Tal heißt Hoffnungslosigkeit. Schau nach vorn. Schau auf das Ziel. Dann schaffst du es.“ Das Vertrauen trägt ihn. Der andere Pilger hatte doch nicht recht: Nichts war umsonst. Auch als noch ein Windstoß kommt und die Brücke noch mehr wackelt, weiß der Pilger: „Ich werde gehalten und ich halte mich fest. Mein Gott hat diese Brücke für mich gespannt. Bis hierher hat sie mich getragen und wird es auch weiter tun.“
Egal wie unsere Schlucht aussieht: Gott hat eine Brücke für uns gespannt.
„Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.“ Röm 5,5
„Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte, bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte. Bis hierher hat er mich geleit', bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen.“
Ämilie Juliane von Schwarzenberg-Rudolstadt, EG 329.