Der Ort Störmthal

Nur etwa 15 Kilometer südöstlich vom Stadtzentrum Leipzigs entfernt liegt das kleine Dorf Störmthal. Erstmals urkundlich erwähnt wurde es im Besitzverzeichnis des Benediktinerklosters Pegau von 1306. Es ist ein für unsere Gegend typisches Straßendorf. Über Jahrhunderte hinweg dürfte Störmthal eines der reichsten Dörfer der Leipziger Umgebung gewesen sein. Mitte des 16. Jahrhunderts wird das Dorf Störmthal mit dem einstigen Herrensitz als Rittergut bezeichnet. Mit der Übernahme des Rittergutes durch das Geschlecht derer von Fullen 1675 begann die Blütezeit des Ortes. Der einflußreiche und finanzstarke Kriegsrat Statz Friedrich von Fullen ließ im Jahre 1693 das repräsentative Schloß mit mehreren großen Wirtschaftsgebäuden errichten und einem großzügigen Park anlegen. Park, Tiergarten, sieben Fischteiche und ein heilkräftiger Brunnen galten als lohnende Ausflugsziele der Leipziger Bürger. Ein berühmter Gast des heilkräftigen Brunnens war der Dichter Christian Fürchtegott Gellert, der auf Anraten seines Arztes zu einer dreiwöchigen "Kur" in Störmthal weilte.

Leider sind Park; Teiche und Heilquelle der Braunkohle zum Opfer gefallen, das Schloß bietet bis heute ein trauriges und verwahrlostes Bild. Die Devastierung der gesamten Ortslage Störmthal war im Jahre 2005 vorgesehen. Dank der Wende 1989 wird es dazu nicht mehr kommen. 1990 wurde das Bauverbot im Ort aufgehoben, 1994 wurde der Braunkohleabbau im Tagebau Espenhain endgültig eingestellt. Nach und nach gelingt es den Eigentümern die großen Dreiseitenhöfe zu sanieren. Schmuckvoll präsentieren sich heute wieder diese Höfe mit ihren schönen Vorgärten.

Die Störmthaler Kirche

Im Jahre 1690 gelang es Statz Friedrich von Fullen Störmthal aus der Parochie Magdeborn herauszulösen. Dazu war ein Prozeß nötig geworden, der in letzter und höchster Instanz am kurfürstlichen Hofe in Dresden entschieden wurde. Mit den Orten Dreiskau und Kleinpötzschau wurde Störmthal zur Mutterkirche erhoben. Die Störmthaler Kirche wurde auf den Resten einer romanischen Anlage erbaut. Über diesen spätgotischen Bau ist nur bekannt, daß er mehrere Reparaturen und Anbauten erfahren hat. Dem Rechnungsbuch von 1722 ist zu entnehmen, daß die Kirche nebst Kanzel, Altar und Orgel als zu klein, zu alt und den Ansprüchen als nicht genügend angesehen wurde. "Demnach die Kirchen allhier durch die Länge der Zeit, und Alterthum, sowohl an denen Mauern, sonderlich hinterm Altar, als auch im Dach und Sparrwerk...ziemlich baufällig gewesen; Hiernächst die Kirche sehr enge..., daß nicht genugsamer Raum und Sitze...vorhanden sein wollen."

Aus diesen Gründen beschloß man die Kirche hinter dem Altar abzubrechen und zu vergrößern. Bei dem heutigen Gebäude handelt es sich um einen langgestreckten Bau mit Ostabschluß, der in Form eines Dreipasses endet. Der Westturm mit barocker Haube und Laterne ist in das Gebäude einbezogen. Es ist davon auszugehen, daß der Chorraum mit Ostabschluß in Form eines Dreipasses, die Patronatsloge und der größere Teil der Nordwand neuerrichtet wurden. Bei Untersuchungen der Nordwand fand sich ein spitzbogengewölbtes Fensterfragment. Es ist älter als die spätgotischen Fensteröffnungen auf der Südseite. Unterhalb dieses Fensters fand sich eine vermauerte korbbogengewölbte Pforte, die bis zur Errichtung des Logenhauses als Zugang zur Sakristei diente. Die Südwand vom Turm bis zu den Stufen des Altarraumes ist der verbliebene unzerstörte Teil der spätgotischen Vorgängerkirche. Deutlich erkennbar ist das an den unregelmäßig ausgeführten Fensterbögen. Alle übrigen Fensterbögen sind im Gegensatz dazu regelmäßig ausgeführt.

Der barocke Innenraum ist einheitlich gestaltet. Kanzelaltar, Taufe, Orgel, die umlaufende Empore und das Gestühl sind stilistisch gleich gestaltet und in ihrer farbigen Fassung aufeinander abgestimmt.

Kanzelaltar

Der barocke Kanzelaltar ist typisch für unseren mittelsächsischen Raum und die damalige vorherrschende Geisteshaltung. Anstelle des sonst üblichen Altarbildes wurde die Kanzel über dem Altartisch gestellt. Der Störmthaler Kanzelaltar ist mit Schnitzwerk und Putten reich verziert. Eine goldene Kartusche an der Kanzel trägt die Aufschrift: "Sehlig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Luc. XIV.28."

Rechts und links des Altares befinden sich zwei Türen. Sie dienten dem damals üblichen Abendmahlsumgang. An der Brotseite (linke Seite des Altares) empfingen die Kommunikanten die Hostie. Anschließend gingen sie durch die mit Getreidegarben verzierte Tür mit der Aufschrift: "Nehmet hin und esset, das ist mein Leib", um an der Weinseite durch die mit Weinreben gestaltete Tür mit der Aufschrift: Nehmet hin und trinket das ist mein Blut" herauszutreten und den Kelch zu empfangen.

Die Taufe

Die schöngeschnitzte kelchförmige Taufe mit ihrer flachen Kuppa dient zugleich mit ihrem Deckel als Leseständer. Die Taufe ist mit Schnitzwerk und Putten verziert. Auf vier schwarzen Kartuschen steht: "Gott macht uns selig".

Das Epitaph Statz Friedrich von Fullens

An der Südseite im Altarraum befindet sich ein Ölporträt Statz Friedrichs von Fullens in einem Trophäenrahmen mit den Lebensdaten des ersten Störmthaler Kirchenpatrons.

Die Inschrift lautet:

Der Hoch Wohlgebohrne Herr Herr

STATZ FRIEDRICH VON FULLEN

Erb= Lehn und Gerichts Herr uff Marck Kleberg und Störmthal

Sr. Königl: Majest: in Polen und Churfürstl: Durchl: Zu Sachßen

Hochbestallter Kriegs Rath und Oberland Kriegs Commissarius wie auch

des Chur und Fürstlichen Sächsischen Löbl: Ober=Hoff=Gerichts Zu

Leipzig Hochansehnlicher Assessor ist gebohren auf dem Hauße Eißdorff

an der Weser am Palm Sontage war der 16 Marty StyliVel: Anno 1638 Abends ub jou

seel: verstorben den 20 July An 1703 Nachmittags 1uhr seines Alters 65 Jahr 4 Monat=

3 Wo: 6 Tage weniger 9 Stunden.

 

Die Patronatsloge

Auf der nördlichen Seite der Kirche zu ebener Erde befindet sich die Patronatsloge. Über den Fenstern der Loge sind im barocken Stuckrahmen die Wappen derer von Fullen und Kötteritz zu sehen. Auf goldenem bzw. silbernen Untergrund befindet sich ein Adler bzw. ein von einem Schwert durchbohrtes Tier. Darunter befindet sich das Alliance-Wappen derer v. Watzdorf und v. d. Schulenburg.

Kruzifix

Links neben der Orgelempore befindet sich ein lebensgroßes Kruzifx. Es ist aus Lindenholz geschnitzt und wohl das älteste Ausstattungsstück der Kirche. Es dürfte eine Arbeit des frühen 16. Jahrhunderts sein und aus der alten Störmthaler Kirche stammen. Die Übermalung des Kreuzes ist jüngeren Datums.

Erinnerungstafel

Die kleine Erinnerungstafel an der Südseite am Orgelaufgang erinnert an den Hubertusburger Frieden vom 15.02.1763. Mit ihm wurde der siebenjährige Krieg zwischen Preußen, Österreich und Sachsen beendet. Sie trägt die Inschrift: "Am Friedens-Danck-Feste war der 21. Martius 1763.“ Die Nägel an der Tafel sind für 33 kleine Kränze bestimmt, von denen einige noch erhalten sind.

Die Hildebrandt-Orgel

Mit dem Neubau der Kirche entschied man sich auch für eine neue Orgel, obwohl erst 1702 für 110 Taler eine Orgel vom damaligen Kirchenpatron Statz Friedrich von Fullen gestiftet worden war. Wie dem Störmthaler Rechnungsbuch zu entnehmen ist genügte sie offenbar nicht mehr den Ansprüchen. "...die Orgel ist bey dem Anno 1710 erfolgten hartten Donnerschlag mit betroffen worden, daß sie auch niemals in gehörigen tüchtigen Stande gebraucht...traktieret werden können;".

Hilmar von Fullen bat den berühmten Orgelbauer Gottfried Silbermann eine Orgel für die Störmthaler Kirche zu bauen. Wahrscheinlich ließ die ziemlich hohe Preisforderung Silbermanns den Gutsherren Abstand nehmen. Er wandte sich satt dessen an Silbermanns Meisterschüler Zacharias Hildebrandt, der für 400 Taler das Angebot annahm. Über dem Störmthaler Orgelbau kam es zu einem Zerwürfnis zwischen beiden Orgelbauern, denn Silbermann fühlte sich von Hildebrandt hintergangen, da es eine Vereinbarung gab, wonach er jeden beabsichtigten Orgelbau im sächsischen Raum von Silbermann genehmigen lassen sollte.

Die Orgel zu Störmthal ist die zweite von insgesamt siebzehn Orgeln, die Hildebrandt gebaut hat. Mit ihr gelang Hildebrandt ein Meisterwerk das von keinem geringeren als Johann Sebastian Bach geprüft und über die Maßen gelobt worden ist. Im Störmthaler Kirchrechnungsbuch von 1723 ist vermerkt, daß die Orgel "am 2. Novembris, 1723, von dem berühmten Fürstlich Anhaltinischen-Cöthenischen Capellmeister und Directore Music: auch Cantore zu Leipzig Herr Johann Sebastian Bach, übernommen, examinieret, probiertet, auch vor tüchtig und beständig erkannt, und gerühmet worden" ist. Bach führte damals "bei öffentlichen Gottesdienste und Einweyhung besagter Orgel" seine Kantate "Höchsterwünschtes Freudenfest" BWV 194 auf.

Zur Disposition der Orgel erläutert W. Schrammek, daß "der beherrschende helle, kräftige und klare Klang der Prinzipale, durch charakteristisch intonierte Flötenstimmen sowie durch farbgebende Obertonregister ergänzt, verändert oder abgelöst werden kann. Der fünfteilige durch Pilaster gegeliederte und durch sanft geschwungenes Gebälk bekrönte Barockprospekt atmet Ruhe und Harmonie. Musik und Architektur entsprechen einander."

Die Störmthaler Hildebrandt-Orgel zählt zu den wertvollsten Orgeln Sachsens. Dies verdankt sie nicht nur dem Umstand, daß sie von Bach geprüft und eingeweiht wurde, sondern daß sie weitestgehend im Originalzustand erhalten ist, wie keine andere Hildebrandt-Orgel. Bis auf den Verlust der Posaune 16' und der Prospektpfeiffen ist die gesamte Orgel einschließlich der Balganlage erhalten.

Zwischen 1731 und 1754 hat Zacharias Hildebrandt seine Orgel selbst regelmäßig überprüft. Eine Reparaturen und kleinere Umbauten erfolgten 1840 von Urban Kreutzbach, Borna , 1905 von Schmidt und Berger, Borna. Restauriert wurde die Orgel 1934 durch Hermann Eule Bautzen, wo unter anderem auch die im I. Weltkrieg eingeschmolzenen Prospektpfeiffen neu angefertigt wurden. Die Wiedereinweihung erfolgte am 16.12.1934 unter Mitwirkung des Thomanerchores, Mitgliedern des Leipziger Sinfonie-Orchesters und der Oper Leipzig sowie Günther Ramin an der Orgel.

Nach intensiven Beratungen der Sachverständigenkommission in Vorbereitung der erneuten Restaurierung der Zacharias-Hildebrandt-Orgel im Jahr 2008 wurde beschlossen, die Orgel auf den Zustand von 1723 zurückzuführen.

Auf Grund dieser wertvollen Orgel werden jährlich sieben bis acht Konzerte in den Monaten Mai bis Oktober veranstaltet. Neben diesen Konzerten sind Kirche und Orgel Anziehungspunkt zahlreicher Orgelfahrten aus dem In- und Ausland.

Friedrich Naumann

Neben dem Thomaskantor Johann Sebastian Bach und dem Orgelbauer Zacharias Hildebrandt, ist es vor allem der Friedrich Naumann, der den Ort über unsere Grenzen hinaus bekannt macht. Wie so manche bedeutende Persönlichkeit stammte auch Naumann aus einem sächsischen Pfarrhaus. In Störmthal wurde er als ältester Sohn des hiesigen Pfarrers Friedrich Hugo Naumann und dessen Ehefrau Marie Agathe, geb.: Ahlfeld, am 25. März 1860 geboren. In der auf einer Anhöhe gelegenen, vom Friedhof und Garten des Pfarrhauses umgebenen Störmthaler Kirche wurde er am 11. April 1860 getauft. Seine ersten Kindheitsjahre verlebte Naumann mit seiner Familie in Störmthal. Obwohl der junge Naumann nur acht Jahre in Störmthal war, muß diese Zeit für ihn sehr prägend gewesen sein. Denn Naumann blieb seinem Geburtsort stets treu und schenkte so manche politische Schrift, mit einer persönlichen Widmung versehen, seinem Heimatdorf. An der Nordseite des Pfarrhauses weist eine Gedenktafel auf diesen bedeutenden Störmthaler hin. Eine kleine Ausstellung im Pfarrnebengebäude, versucht einen Einblick in das Lebenswerk des Pfarrers und Theologen, des liberalen Politikers und Parlamentariers Friedrich Naumann zu geben, um ihn so einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Informationen

Die Sonntags- und Festtagsgottesdienste der Kirchgemeinde beginnen in der Regel 10.00 Uhr

Informationen zu besonderen Veranstaltungen oder Konzerten können Sie erhalten über das Pfarramt Störmthal,

Dorftraße 48, 04463 Großpösna OT Störmthal

Tel.: (03 41) 8 78 13 16

Fax: (03 41) 8 78 13 17

www.kirchenquartett.de

Führungen und Orgelbesichtigungen können angemeldet werden bei Pfarrer Weber:

Sprechzeit: Montag 17.00 - 18.00 Uhr

Spenden für die Erhaltung der Orgel und die Restaurierung des spätgotischen Kruzifix können auf folgendes Konto überwiesen werden: Sparkasse Leipzig, Konto-Nr. 1168100018, BLZ 860 555 92